Kulturerbe für alle/Patrimoine pour tous/Patrimonio per tutti

Nationales Zentrum für Baukultur & Städtebau

von
Patrick Thurston
Patrick Thurston | vor 1 Monat | in Taten statt Worte

In der Schweiz ist ein Paradigmenwechsel im Gange, welcher der Baukultur künftig einen viel höheren Stellenwert zuerkannt. Dies kommt etwa in der „Davos Deklaration 2018“ der Europäischen Kulturminister zum Ausdruck oder zeigt sich in der Revision des Raumplanungsgesetzes 2012, wo die Bevölkerung eine hochwertige Siedlungsentwicklung nach innen beschloss.
Bauen wird künftig vielmehr als ein Ganzes verstanden. In der Antwort des Bundesrates vom 17. Januar 2018 zum Postulat Fluri betreffend dem Erhalt der Schweizer Ortsbilder wird eine „stärkere Teilhabe der Bevölkerung“ sowie eine „Wertedebatte und eine intensivere Auseinandersetzung mit allen unterschiedlichen Interessen“ verlangt, „was nach hohen Kompetenzen und kontinuierlichem Dialog zwischen allen Beteiligten erfordert.“ Die „Davos Deklaration“ versteht Baukultur als eine Einheit von kulturellem Erbe und zeitgenössischem Schaffen. Die Qualität der gesamten gebauten
Umwelt wird als strategischer Imperativ gesehen.
Die Wertedebatte über Baukultur & Städtebau hat bisher in der Schweiz keinen ständigen Ort, wo der Dialog geführt wird. Damit diese wichtige Aufgabe erfüllt und nach aussen sichtbar wird, soll in der Bundeshauptstadt ein „Nationales Zentrum für Baukultur und Städtebau“ geschaffen werden.
Die Betriebskonzeption für das Nationale Zentrum für Baukultur & Städtebau setzt auf eine Debatte im kleinen Rahmen. Es soll eine fördernde Diskussionskultur zu Fragen der Baukultur, der Architektur und des Städtebaus entstehen, welche Wissen statt Meinungen an massgebende Entscheidungsträger in der Politik und Verwaltung vermittelt und so mithilft, qualitätsvolle Lösungen mehrheitsfähig zu machen, kontinuierlich weiter zu entwickeln und zu kommunizieren. Das Nationale Zentrum für Baukultur & Städtebau soll mit allen bisher tätigen Stellen und Institutionen, welche sich den Fragen von Baukultur und Städtebau annehmen, vernetzt sein. Eine zentrale Rolle kommt der Zusammenarbeit mit den Kantonen zu, welche für die Umsetzung der Raumplanung verantwortlich sind. Nicht minder wichtig ist aber ein markantes Engagement für die Sache von Baukultur & Städtebaus, das sich an die gesamte Gesellschaft richtet, damit qualitätsvolle Baukultur & Städtebau ein ständiges Thema ist im gesellschaftlichen Diskurs wird.

Bearbeitet am Sep 14, 2018 von Patrick Thurston

Mascha Bisping vor 1 Monat

Das ist ganz grundsätzlich ein wichtiges Anliegen, und die Notwendigkeit eines Schweizerischen Zentrums für Baukultur liegt eigentlich auf der Hand. Doch der Entwurf dieser Idee hier ist noch äusserst vage und in sich widersprüchlich.
Was soll dort konkret geschehen - "Debatte", "Dialog", "Vernetzung", "Wissen", "Information" - wie, mit wem, wodurch? Wer soll dort zusammenkommen - die Fachwelt ("Debatte im kleinen Rahmen") oder die Fachwelt mit der Politik ("Wissen...vermitteln") oder die Fachwelt mit der Bevölkerung ("Wertedebatte", "Teilhabe der Bevölkerung"), also doch Debatte im grösseren Rahmen?
Was aus der Erfahrung der täglichen Arbeit mit Studierenden, mit Archiven und im Bereich der Denkmalpflege wichtig erscheint, ist in der Tat:
1. eine bessere, zentrale oder dezentral-vernetzte Organisation der Grundlagen der Bau- und Architekturforschung zwischen den verschiedenen fachlichen Gruppierungen (gta und idb an der ETH Zürich, SAM in Basel, SIA, BSA, gsk, Denkmalpflegen, Heimatschutz, Bauämter etc.).
2. ein Wissens- und Forschungszentrum Bau- und Städtebau mit einer umfassenden und sehr gut ausgestatteten Bibliothek und einem Archiv, das Schweizer Architektennachlässe zentral sortiert, sammelt und aufbereitet - ähnlich SIK für Künstler. Es kann eigentlich nicht angehen, dass in der Schweiz mit ihrer hochstehenden Baukultur und boomenden Bauwirtschaft ein gta-Archiv, das viele wichtige Architektennachlässe und Archivalia zur Schweizer Architekturgeschichte besitzt, seit vielen Jahren mit Platzmangel und konservatorisch grenzwertig geeigneten Räumlichkeiten zu kämpfen hat, während andererseits die Notwendigkeit zur Vermittlung von Baukultur in aller Munde ist und so etwa in Zürich soeben das neue - und grossartige - ZAZ Zentrum Architektur Zürich in der Villa Bellerive eröffnet wurde, das dem Dialog (Tagungsort) und der Vermittlung (Ausstellungen, Veranstaltungen) gewidmet ist. Vermittlung braucht Grundlagen, und diese müssen auch für die Zukunft gesammelt und bewahrt werden. Es kann auch ein Zuhause nicht nur für materielle Überlieferungsträger, sondern auch für virtuelle Archivierung und Vermittlung werden.
3. also: nicht einfach zusätzlicher Ort, an dem geredet, diskutiert, getagt, informiert, vermittelt und was nicht alles wird, sondern ein multifunktionales Zentrum, evtl. auch mit dezentral, in verschiedenen Städten gelegenen Abteilungen, das sich allen Aspekten der Förderung von Baukultur widmet, von Schulbildung bis Politiklobbying, von Nachlassarchivierung bis zu virtuellen Experimentalräumen.
Um es mit dem amerikanischen Städteplaner Daniel Burnham zu sagen: "Don't make little plans". Bei einem grösseren und konkreteren Plan, der auch die Schaffung von vernünftigen Grundlagen für die Bewahrung materieller Forschungsgrundlagen miteinbezieht, wäre ich sofort dabei. Bitte: WIRKLICHE Taten statt NOCH MEHR Worte.

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Patrick Thurston vor 1 Monat

Sehr geehrte Frau Bisping, herzlichen Dank für Ihre wohlwollenden Gedanken und kritischen Fragen. Zu Ihren drei Punkten können wir folgendes Sagen. 1. Wie Sie sagen, wir sollen in Zusammenarbeit mit den von Ihnen genannten Institutionen und Fachverbänden, aber mit mit Exponenten der Bauwirtschaft und mit Verwaltungsstellen der Kantone und der Städte ein "Zentrum Baukultur & Städtebau" ins Leben rufen, welches vergleichbar mit der "Stiftung für Landschaftsschutz" BAUKULTUR & STÄDTEBAU zu einen ständigen nationalen Thema machen. Es ist doch einigermassen erstaunlich, dass in der schweizerischen Raumplanungsterminologie das Wort "STADT" oder "STADTZONE" nicht existiert und Baukultur heute in aller Munde ist, aber in der Praxis die Denkmalpflege dafür geächtet wird. Wir wollen dazu beitragen, dass der weite Begriff von Baukultur, wie ihn die Davos Deklaration formuliert, umgesetzt wird. Unsrem Verständnis nach ist das Gebaute eine Einheit in der wir Menschen leben, eine Einheit von grosser Permanenz, mit der auch die Schweizer Bevölkerung im 22. Jahrhundert leben muss. Zu 2: Die von Ihnen angesprochenen Fragen der Sorge um die Nachlässe scheint uns ein separates Thema zu sein. Dazu sind wir in der Region Bern Solothurn Freiburg Oberwallis an der Gründung eines Vereins "ARCHITEKTEN ARCHIVE BERN"., der sich in Zusammenarbeit mit den stattlichen Archiven dieser Aufgabe annimmt. Zu 3: natürlich haben Sie recht, das man nicht einfach reden soll! Wir haben uns deshalb auch in der Rubrik Taten statt Worte beworben, weil wir eine grosse Notwendigkeit bei der Lobbyarbeit, bei Vernetzen, bei Aufzeigen von Lösungen und Wegen sehen, aber auch darin, dass jemand die Stimme ergreift für BAUKULTUR & STÄDTEBAU. Persönlich glaube ich dass positive Bilder, auch Worte, auch poetische Worte zu den Qualitäten von Baukultur und Städtebau viel bewirken können. Es muss uns gelingen die Herzen der treibenden Kräfte des Bauens zu erwärmen, die Herzen der Politiker, weil sie merken, das es um ihr eigenes Wohnbefinden geht, dass man im gemeinschaftlichen Raum der Dörfer und Städte wohler ist, als hinter der Thujahecke auf dem englischen Rasen. Darum geht es uns! Mit herzlichen Grüssen Patrick Thurston, Architekt, Bern

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Renate Albrecher vor 1 Monat

Hallo, habt Ihr gelesen, dass die Einreichnung nicht hier sondern über kulturerbefueralle@bak.admin.ch erfolgen muss?

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Patrick Thurston vor 1 Monat

Sehr geehrte Frau Albrecher, besten Dank für den Hinweis. wi haben am richtigen Ort auch eingereicht. Danke einewägs!

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Jürg Graser vor 4 Wochen

Für wen und für was - fragt man sich – soll in Bern ein nationales Zentrum für Baukultur und Städtebau entstehen? Bauen und seine gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Dimension ist ja schon populärer denn je; Foren und Preise, Kongresse und Symposien, Hefte und Bücher fluten die Print—und Digital-Kanäle.
«Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder.» Die 1973 gezeichnete Bildergeschichte von Jörg Müller ist mittlerweile 45 Jahre alt. Geändert hat sich wenig, die Schweiz wird ungebremst zugebaut. Dass diese Entwicklung bei den Bewohnerinnen und Bewohnern Unbehagen auslöst, zeigendie in den vergangenen Jahren gewonnen Volksabstimmungen: die Zweitwohnungsinitiative, 2012, die Revision des Raumplanungsgesetztes, 2013 und die Energiestrategie 2050 im Jahr 2017. Gebaut wird so viel und so schnell wie noch nie. Aber bauen wir auch das, was wir brauchen und
was zukunftsfähig ist? Welche Stadt wollen wir und zu welchem Preis? Unser tertiär organisiertes Leben findet drinnen in den Häusern und nicht draussen in der Natur statt, eine Diskussion wäre also nötig. Sie hätte mit Werten, mit Menschen und mit Politik zu tun, Architektur spielte eine Rolle, aber nicht die einzige.
Hier sieht das Zentrum für Baukultur und Städtebau seinen Platz: in Bundesbern, vor den Türen des Parlaments, in der Lobbyarbeit, als Forum des Austausches, der Debatte und der Werte. Die seit jeher selbstverliebten Architekturgilde könnte mit diesem Zentrum die Stimme erheben, was für uns alle mitunter zielführender wäre, als so manche über den Arbeitstisch gebeugte nuit blanche.
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benc.furrer@bluewin.ch vor 3 Wochen

Der Vorschlag, ein "Nationales Zentrum für Baukultur & Städtebau" versuchsweise auf drei Jahre einzurichten, ist interessant und verdient es, diskutiert zu werden. Wenn die "Davos Deklaration" nicht bloßer Buchstabe bleiben, sondern eine Wirkung entfalten soll, ist es unerlässlich zu versuchen, die dort formulierten Ideen zu konkretisieren und umzusetzen. Verbesserungen können nicht dekretiert werden und es ist daher Überzeugungsarbeit zu leisten. Dabei ist es entscheidend wichtig, dass das baukulturelle Erbe und die aktuelle Architektur wie auch der Städtebau als Teil der Baukultur verstanden werden. Solche Überlegungen stehen hinter dem eingereichten Vorschlag.
Leider scheint die Eingabe in großer Eile entstanden zu sein. Sie wirkt recht unbeholfen und vage. Neben guten Grundsatzüberlegungen enthält sie unsorgfältig konzipierte (und schlecht redigierte) Passagen. Der Vorschlag enthält Unklarheiten und Wiederholungen und erscheint zu wenig klar durchdacht. Die aufgeführten Beispiele sind nicht überzeugend und die beigefügten Illustrationen (Zeichnung und Fotos) weder aussagekräftig noch hinreichend kommentiert oder begründet. Insgesamt sind die Begründungen, weshalb ein solches Zentrum, das immerhin Kosten von einer Drittel Million verursacht, in der vorgeschlagenen Form unerlässlich ist und, vor allem, was es konkret bringen wird, mager. Schade um den guten Ansatz – der Vorschlag hätte eine genügende Reifezeit und die für eine solche Eingabe notwendige Sorgfalt verdient.
Und dennoch: Das Anliegen ist zu wichtig als dass es über diese Unzulänglichkeiten und Fehler stolpern sollte. Die Direktorin des BAK hat unlängst in der NZZ zu Recht auf die Bedeutung einer hohen Baukultur für das Wohlbefinden, ja das Glück der Bevölkerung hingewiesen. Die Schweiz kommt nicht darum herum, sich dem Thema anzunehmen. So kann es trotz Vorbehalten angezeigt sein, dem Projekt die Chance einer Umsetzung zu geben.
Bernhard Furrer

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