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Kulturerbe und Identität

Veröffentlicht von Kulturerbe für alle (Admin) vor 7 Monaten Veröffentlicht in Deutsch

Von Fanny Vuagniaux und Jean-Marc Wyss

Die lebensweltlichen Verweisungszusammenhänge und Alltagsgewohnheiten, die das hervorbringen, was wir als „Identität“ bezeichnen, haben sich durch technologische Entwicklungen dynamisiert und fundamental verändert. Der Umgang mit Informationen ist heute angesichts der medialen Vielfalt grundlegend anders als noch vor einigen Jahren. Der Diskurs der Expert/innen, der eine fachliche Selektion und Redaktion voraussetzt, welche die interessierte Öffentlichkeit für die Anliegen des kulturellen Erbes zu sensibilisieren hofft, ist teilweise nicht mehr zeitgemäss. Formaten wie den "Europäischen Tagen des Denkmals" mangelt es an partizipativ-gestaltenden und damit identitätsstiftenden Elementen. Die Erwartung ist heute, als Individuum selbst Teil einer erlebten Geschichte zu sein. Dieser Wunsch kann durch den Expertendiskurs nicht mehr eingelöst werden. Es stellt sich also die Frage: Welche Form(en) von Erzählungen braucht es, damit das Kulturerbe wieder Einzug in die alltäglichen lebensweltlichen Verweisungszusammenhänge findet?

Herausforderung – Das Neue Bauen

Prominenten Bauwerken aus vergangenen Jahrhunderten wie zum Beispiel der Kathedrale von Fribourg (Abbildung 1); – aufgeladen durch ihren bezeugten „rituellen“, „kulturellen“, „historischen“ und „ästhetischen Wert“ –, scheint eine schon fast intrinsische Legitimität zum Erhalt inne zu wohnen.

 

Abbildung 1: Cathedrale St. Nicolas de Fribourg (Bildquelle: Wikimedia Commons)

Für jüngere und jüngste Objekte gilt dies nicht im gleichen Masse. Um beim Beispiel Fribourg zu bleiben: Hier gehören zur Stadtsillouette nicht nur der genannte Sakralbau, sondern auf der gegenüberliegenden Seite der Sarine auch Siedlungsbauten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Unter ihnen die markante Wohnsiedlung „Sicoop Schoenberg“ an der Route des Vieux-Chênes 5 und 7 (vgl. Abbildung 2), die von Jean Pythoud, Roger Currat und Thomas Huber (Architectes Associés Fribourg (AAF)) zwischen 1966 und 1972 realisiert worden ist. Im Wissen, dass sich der Siedlungsbau als Typologie selbst bei Architekten (Experten) erst in jüngster Zeit als programmatische Aufgabe hat etablieren können, und dieser Typus im Gros daher oftmals architektonische Qualitäten vermissen lässt, kann man sich die Schwierigkeiten im Meinungsbildungsprozess der Bevölkerung (Laien) vorstellen, wenn Zeugen des modernen Bauens unter Denkmalschutz gestellt werden sollen. So geschehen bei der Siedlung „Sicoop Schoenberg“ im Jahre 2016, als das Objekt in der höchsten Wertkategorie A in das Recensement der kantonalen Denkmalpflege aufgenommen wurde.

 

Abbildung 2: Immeuble "Sicoop Schoenberg" de l'architecte Jean pythoud et du Bureau Architectes Associé Fribourg AAF (Bildquelle: pro-fribourg)

Einbezug aller Beteiligten

Soll ein Bewusstsein für Fragen der denkmalpflegerischen Schutzwürdigkeit von Bauwerken oder ganzen Ensembles geschaffen werden, führt kein Weg am Einbezug der ortsansässigen Bevölkerung vorbei. Die Teilhabe an Diskussionen oder Workshops rund um denkmalpflegerische Werte schutzwürdiger Ensembles aus dem 20. Jahrhundert würde den Bewohner/innen die Möglichkeit bieten, sich durch die Auseinandersetzung mit dem Bauerbe des modernen Zeitgeistes und der multikulturellen Gesellschaft bewusst zu werden. In diesem Rahmen können besondere architektonischen Qualitäten wie bspw. die räumliche Anordnung der Bauvolumina zur Umgebung oder die Organisation und Gliederung der Raumprogramme und Wohnflächen zur Sprache kommen. Ferner gilt es auf insititutioneller Ebene alle beteiligten Stakeholder (Investoren, Besitzer, Immobilien- und Gebäudeverwalter) in einen Dialog einzubeziehen, um qualitätsvolle Erhaltungsmassnahmen zu etablieren. Nur so können unnötige Bau- oder Sanierungssünden langfristig verhindert werden.

Dieser Beitrag wurde bearbeitet am Apr 11, 2018 von Kulturerbe für alle

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