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Kulturerbeerhaltung: Wo ist die Einheit in der Vielfalt?

Veröffentlicht von Kulturerbe für alle (Admin) vor 6 Monaten Veröffentlicht in Deutsch

Von Dehio Alois und Marie S.

Wir leben in einer pluralistischen Gesellschaft. Dies zeichnet sich in allen Lebensbereichen ab: Egal ob es darum geht, wo wir feiern, welche Labels wir tragen, was wir essen, oder wo wir am Sonntag zum Kulturprogramm hingehen – in all diesen Dingen werden wir uns stets voneinander abgrenzen. Dasselbe Phänomen findet sich beim Kulturerbe. Wenn wir als zwei extreme Beispiele die Reitschule in Bern und das geplante Humboldt-Forum in Berlin nehmen, lässt sich die Bipolarität gut darstellen. Die angestrebte Mischung im Humboldt-Forum, die ähnlich einer Mall für Kultur aus Ausstellungsräumen und Bibliothek bestehen wird, ist an sich eine gelungene und interessante Idee, wird aber voraussichtlich nur bürgerliche Personen, grossenteils mit universitärem Abschluss anziehen.

 

Bildquelle: © SHF / Architekt: Franco Stella mit FS HUF PG (humboldtforum.com)

Im Gegensatz dazu steht die Reitschule in Bern, ebenfalls ein kulturelles Zentrum, das jedoch stärker alternative Menschen anzieht und durch seine linke Einstellung auf bürgerliche Personen abschreckend wirkt. Dies kann man auf die vielfältigen Bereiche in der Erhaltung von Kulturerbe übertragen. Egal, wie sehr man sich bemühen wird, die unterschiedlichen Disziplinen näher zusammenzurücken – die verschiedenen Kreise, die sich für das jeweils Eine interessieren, werden bleiben. Möglicherweise würde eine gesamtheitliche Sicht auf das Thema zwar das Verständnis verbessern, aber kaum das Interesse auf andere Bereiche erweitern. Genauso schwierig ist es, Bevölkerungsgruppen für die Thematik zu interessieren, die diese vorher kaum beachteten. Um das zu erreichen, müsste man die gesamte Gesellschaft in ihren Strukturen grundlegend verändern.

 

Bildquelle: Wikimedia Commons

Kultur wird politisiert, wie am Beispiel der beiden Kulturzentren beobachtet werden kann. Die angebotenen Inhalte sind ähnlich und unterscheiden sich vor allem in ihrer Struktur und Finanzierung. Das Kulturzentrum in Bern entwickelte sich aus einer basisdemokratischen Struktur, hingegen das Humboldtforum wurde durch ein Kunstprojekt initiiert und von einer öffentlich-privater Trägerschaft projektiert. Zu Beginn wurde das Projekt durch den deutschen Unternehmer Wilhelm von Boddien und mit zusätzlichen Muliplikatoren forciert. Im Jahre 2007 stimmte das Bundeskabinett dem Bau des Humboldtforums zu.

In unseren demokratischen Ländern fällt es schwer, „Kulturerbe“ als ein grosses Ganzes zu verstehen. Dies resultiert aus ganz verschiedenen Faktoren und kann auch auf die starke Spezialisierung von Disziplinen zurückgeführt werden. Spezialisierungen haben dazu geführt, dass die Bereiche der Kulturerbeerhaltung für die Allgemeinheit schwer verständlich geworden sind. Es sind fachspezifische Disziplinen entstanden, die in einem langwierigen Prozess wieder unter- und miteinander zu verknüpfen sind.

Wo ist die Einheit in der Vielheit? In dieser Frage steckt das Bedürfnis, eine Ganzheit zu finden. Dieser Frage nachzugehen ist etwas irreführend, denn sie gleicht einem Fraktal, einem in der Grösse sich wiederholenden Muster. Wie sollen wir das Muster betrachten? Wenn wir die Menschheit als Einheit nehmen, dann wird die Vielheit eine andere sein als wenn wir die Europäer als die bestimmende Einheit nehmen. Wir müssen Kulturerbeerhaltung möglichst vielfältig beibehalten, damit spätere Generationen sich mit dem Erbe auseinandersetzten können. Mit späteren Generationen ist ebenfalls gemeint, dass sich Menschen erst ab einem gewissen Alter und Bildungsprägung mit den geerbten Kulturgütern auseinandersetzen, weil sie vorher selbst damit beschäftigt sind, Kultur zu schaffen. Es ist für die Meisten verständlich, dass Kultur und deren Produktion früh bei der Bevölkerung verankert werden muss, denn sie ist identitätsstiftend und kann verbindend wirken. Es ist hilfreich, einen Status Quo zu definieren, um in eine bestimmte Richtung fortzusetzen. Kultur ist ein sich stetig verändernder Prozess. Die Vermittlung der erhaltenswerten Kulturgüter muss beides leisten können, nämlich sowohl die Einheit, die den Zeitgeist widerspiegelt, als auch die Vielheit gewährleisten.

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Kommentare (2)

Georg Riegl sagt... vor 6 Monaten

Liebe AutorInnen dieses Blogs.

Ich erlaube mir ein paar Fragen:

- Woher nehmt ihr alle diese Behauptungen über die Gesellschaft und ihre Wahrnehmung des Kultuerbes?

- Warum muss Kulturerbe als "ein grosses Ganzes" verstanden werden?

Zudem sind einige Behauptungen über die Struktur der Reitschule schlicht falsch (Trägerschaft = IKUR = Verein mit Einsitz des Gemeinderats, Eigentümerin = Stadt usw.) 

- Was hat das alles überhaupt mit der Reitschule und dem neuen Schloss zu tun?

Johnny R. sagt... vor 6 Monaten

Vielen Dank fürs Thematisieren des Zusammenhangs zwischen sozialen Strukturen und den (Des-)Interessen an Kulturerbe - soweit ich das richtig verstanden habe. Es stellt sich mir auch die Frage, warum Kulturerbe von einer pluralistischen Gesellschaft aktiv als grosses Ganzes verstanden werden muss. Warum denkt ihr, dass wir uns durch unser kulturelles Verhalten (Essen, Mode, Musikstil, ...) von einander abgrenzen (wieso nicht den Aspekt der Gemeinschaften mit gleichen Interessen beleuchten)? In welchem Rahmen genau stellen die beiden Kulturzentren eine extreme Bipolarität dar?

 

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