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Städtetourismus - Fluch oder Segen?

Veröffentlicht von Kulturerbe für alle (Admin) vor 4 Monaten Veröffentlicht in Deutsch

Von Martina Löw und Jonas Häne

In den letzten zwanzig Jahren erfuhr der Städtetourismus einen Boom. Mit den vielen Touristen ging ein Wirtschaftswachstum einher. Als Beispiel sei hier Barcelona genannt, welches sich in einer Wirtschaftskrise befand und dank dem Tourismuswachstum aufblühte. Der anfänglichen Euphorie folgte die Ernüchterung. Mit dem vermeintlichen Segen der Touristenströme verbunden war ein Hotelbau-  und Wohnungsaufwertungsboom, welcher die Boden- und Wohnungspreise steigen liess und zu einer Gentrifizierung der innenstädtischen Quartiere führte. Durch das Füllen der Innenstädte mit Touristen veränderte sich der Charakter der Quartiere. Die Einheimischen zogen in die Peripherie. Für viele Quartierläden und kleine Geschäfte wurden die Mieten zu teuer. Die Nahversorgung ging an Souvenirläden und grössere Ketten über. Dadurch ging auch das charakterbildende Alltagsleben verloren, welches gerade von Touristen gesucht wird. Was bleibt ist eine Art Disney-Land aus berühmten Kulissen, welche nicht mehr belebt sind. Auch am Beispiel von Venedig ist das gut zu erkennen; die italienische Kulturstaatssekretärin Ilaria Borletti erwog einen Eintrittspreis für die Altstadt von Venedig.

Gerade die drastische Massnahme eines Eintritts muss kritisch betrachtet werden, da sie sich auf den finanziellen Aspekt beschränkt. Interessierte Touristen mit einem kleineren Geldbeutel würden die Stadt weniger besuchen können. Eine gerechtere Lösung wäre zum Beispiel, ein Kontingent der monatlichen Anzahl an Touristen in Altstädten festzulegen. Die Festlegung dieses Kontingents sollte ein demokratischer Entscheid sein, bei dem die Bevölkerung ein Mitstimmrecht hat, ansonsten wird es von Lobbyisten verfälscht. Experten und Expertinnen der Stadtplanung, des Tourismus und der Politik sollten einbezogen werden. Das Kontingent könnte anhand der Infrastruktur und Grösse der Stadt mit Einbezug des Verhältnisses von Bewohner zu Tourist berechnet werden.

Ein solches Kontingent würde eine Steigerung der Wohnqualität der Bewohner mit sich bringen. Es wäre damit zu rechnen, dass die Einnahmen aus dem Tourismus zurückgehen. Allerdings wäre die Stadt attraktiver für Besucher und diese würden sich nicht nur auf gewisse Jahreszeiten beschränken, sondern auf das ganze Jahr verteilen.

Ein neueres Phänomen ist die Zweckentfremdung von Wohnraum als Besucherunterkunft. Es ist natürlich sinnvoll, dass dieser Raum permanent genutzt wird und nicht leer steht, wenn jemand im Urlaub ist. Verfügbarer Wohnraum sollte jedoch nicht ausschliesslich für die Unterbringung von Touristen dienen. Das Zweckentfremdungsverbot von Wohnraum, welches in Berlin 2014 in Kraft getreten ist, kann hier als Vorbild gesehen werden.

Um dem grundsätzlichen Problem der Gentrifizierung entgegenzuwirken, könnte man ein Gesetz schaffen, welches vorschreibt, dass zerstörter Wohnraum in einem Radius (von z.B. 500m oder im selben Quartier) ohne nennenswerte Mieterhöhung und Qualitäts- oder Bruttogeschossflächenverlust ersetzt werden muss. Damit könnte den Bewohnern des Quartiers der Erhalt ihres gewohnten Lebensumfeldes ermöglicht werden. Zusätzlich müssten Tourismusströme grossflächiger verteilt werden. Weniger bekannte Sehenswürdigkeiten könnten besser erschlossen und eventuell die Öffnungszeiten aneinander angepasst werden, damit die Besucher nicht nur die bekanntesten Orte aufsuchen.

In der Schweiz ist das Problem des übermässigen Tourismus auf Grund der Hochpreislage noch nicht so prekär, doch auch hier ist eine zunehmende Tendenz zu beobachten. Als Beispiel ist das Aussterben des lokalen Detailhandels wegen steigender Bodenpreise zu nennen. Wir empfinden es daher als wichtig, dass die Entwicklung des Städtetourismus in der Schweiz eng beobachtet wird und dass frühzeitig flankierende Massnahmen entwickelt werden. Er muss auf der Agenda von politischen Diskussionen bleiben und darf nicht ungeregelt dem freien Markt überlassen werden.

Parc Güell in Barcelona (Bildquelle: Wikimedia Commons)

 

Dieser Beitrag wurde bearbeitet am Mär 10, 2018 von Andreas Teuscher

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Kommentare (2)

Dehio Alois sagt... vor 3 Monaten

Hallo Zusammen

Danke für diesen interessanten Beitrag. Was ich aufgefasst habe, ist die Aussage, dass der Tourismus in der heutigen Form stark wirtschaftlich ausgelegt ist und dazu abzielt Gewinne einzubringen. Es stellt sich sicher die Frage, wie der Gewinn genutzt wird. Zusätzlich verursacht die Nachfrage nach Kulturgütern am Ort selbst eine soziale Veränderung die als negativer Moment beschrieben wird. Als Lösungsansatz werden Beispiele herangezogen, die mit Regulierung zu tun haben. Wie kann bei dieser Divergenz zwischen öffentlichem und privatem Interesse eine positiv wirkende Angleichung hervorgebracht werden? Wären öffentliche Diskurse, Debatten und vorallem eine Konsensuche nicht am Wichtigsten? Müsste hier nicht auf politischer Ebene Arbeit geleistet werden und von der Bevölkerung eine Teilnahme Voraussetzung?

Joachim Huber sagt... vor 3 Monaten

Vgl. die Projektidee "Unser Fussabdruck als Bildungstouristen - Bildungshunger als Zerstörungspotential".

https://kulturerbefueralle.ch/post/507932

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