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Schutz durch Veränderung

Veröffentlicht von Kulturerbe für alle (Admin) vor 10 Monaten Veröffentlicht in Deutsch

Von Anaï Becerra und Marlen Lanz

Etwa fünfzig Jahre sind vergangen, seit sich die Definition des Denkmalbegriffs erneuert und erweitert hat. Die damals laut gewordenen Forderungen kamen nicht nur von Historikern und Architekten, die sich zunehmend für die Sozialgeschichte interessierten und darin eine notwendige Lösung zur Erhaltung und zum Schutz der Baudenkmäler sahen, sondern von den Nutzern selbst. Grund dafür war die Einstellung gegenüber dem modernen Bauen, welche sich in den 1960er-Jahren stark verändert hatte. War die fortschrittliche Architektur vormals ein Zeichen der Demokratie und Hoffnung, so galt sie jetzt als „böse“ und Grund für die Vertreibung aus den alten Stadtwohnungen. Demgegenüber wurde der Stil des 19. Jahrhundert, der einst mit seinen Schnörkeln Macht und Herrschaftlichkeit demonstrierte, mit einem Mal von den Bürgern bevorzugt.

Mehr denn je, lässt sich dieses Phänomen auch heute noch beobachten. Altbauwohnungen sind unabhängig vom Ausbaustandart sehr beliebt. Wird ein solches Objekt saniert, sind die Mieten danach oft unbezahlbar, was einen Wechsel der Bewohnerschaft zur Folge hat. Die in den 1960er und 1970er Jahren laut gewordenen Forderungen haben sich also insofern „erfüllt“, als dass sie heute immer noch Bestand haben und in der aktuellen Architekturdebatte sehr präsent sind. Dazugekommen ist die hohe Wohnungsnachfrage und damit das Argument der Verdichtung, was die Angelegenheit noch komplexer macht.

Keine Verdrängung durch Mieterhöhung

Die Sache mit der Gentrifizierung (Foto: Sugar Ray Banister)

Wenn wir nach der sozialpolitischen Dimension der Denkmalpflege fragen, spielt der Wohnungsbau eine Hauptrolle. Es geht darum, dass Baudenkmäler sich nicht zu Luxusgütern entwickeln, die nur noch einer sehr kleinen privilegierten Schicht zugutekommen. Ebenfalls sollen sie nicht musealisiert werden. Das heisst, nicht zu etwas werden, das man nur ab und zu gegen Eintritt besuchen kann und zu dem man einen ehrerbietigen Abstand halten muss. Baudenkmäler sollen Teil unseres Alltags sein, Lebensraum bleiben und dies auch für Menschen, die nicht ganz so gut betucht sind. Anlässlich des europäischen Denkmaljahres 1975 machte Lucius Burckhardt auf diese sozialen Aspekte der Denkmalpflege aufmerksam. Er wies darauf hin, dass Arbeiterhäuser beispielsweise nicht durch die klassischen Methoden der Denkmalpflege gerettet werden können. Sie müssen auch für Mittelstandfamilien bezahlbar bleiben. Denn wäre dies nicht so, würde zwar die Nutzung erhalten, nämlich die des Wohnens, jedoch für eine ganz andere, besserverdienende Bevölkerungsschicht. Wären plötzlich alle Altstadtviertel der reicheren Schicht vorbehalten, und die Neubauten ausserhalb den Studenten und die noch weiter ausserhalb den Zuwandererfamilien, würden langsam verschiedene Viertel entstehen, mit nahezu keiner Durchmischung.

Genau das passiert heute leider schon in diversen Städten. Es gibt aber auch andere Beispiele. Basel etwa ist eine Stadt, in der die Durchmischung sehr gut funktioniert. Mit Ausnahme von einigen wenigen kleinen Vierteln, wie dem Paulusquartier oder dem Gellert, ist die Stadt sehr durchmischt. Studenten wohnen neben Einwandererfamilien und Novartis-Mitarbeitern. Das führt dazu, dass verschiedenste Kinder zusammen in die Schule gehen und so wird wiederum die Integration nachhaltig gefördert. Es gibt keine Ghettoisierung, jedes Quartier hat seine ihm eigenen ähnlich gleichwertigen Qualitäten.

Die Denkmalpflege kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, indem sie sich für den Erhalt dieser Durchmischung in den alten Mauern einsetzt. Der „Schutz“ könnte in Zukunft vermehrt darin bestehen, dass man sich gewissen Veränderungen öffnet. Unsere Gesellschaft verändert sich. Familien werden kleiner, es gibt mehr Emigration und Immigration. Das heisst, auch die Wohnraumpolitik muss sich verändern. Nicht nur Neubauten, sondern auch Umbauten die rücksichtsvoll mit dem Bestand umgehen, können etwas dazu beitragen. Um ein konkretes Beispiel zu nennen: Dachstühle könnten mittels Dachgauben in einen bewohnbaren Raum verwandelt werden. Ebenso wäre mehr Mut zu Aufbauten und Anbauten förderlich für eine nachhaltige Verdichtung der Stadt. So schützt man die Bauten auf eine neue Weise: nämlich davor, musealisiert oder ein Luxusgut zu werden. 

 

Dieser Beitrag wurde bearbeitet am Jan 28, 2018 von Kulturerbe für alle

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Kommentare (3)

Dehio Alois sagt... vor 9 Monaten

Danke für den Interessanten Blog. Es werden ganz viele Fragen aufgeworfen respektive Themen auf gegriffen. Mir ist seit einiger Zeit aufgefallen, dass meistens Aufwertungen von Quartieren mehr oder weniger bewusst von der Stadt gefördert werden. Das hat zur Folge, dass eine Dislozierung von Mieter_innen, die wenig verdienen unentwegt statt findet. Altbauen sind meistens beliebt, weil die Wohnungen für vielfältige Lebensweisen geeignet sind und die Kennerschaft es geniesst in einer hochwertigen Bausubstanz zu wohnen, die heute kaum bezahlbar ist. Ein weiterer Aspekt ist die Bodenpolitik. In Bern zum Beispiel an der Aarbergergasse hat ein 3. Stöckiges Haus ca. 7 Milionenwert. Euer Beispiel mit dem Gellert- und Paulusquartier hat meiner Meinung mehr mit Eigentumsanspruch zu tun. Die Frage der Verdichtung wirft ganz viele kritische Fragen auf! Ich bin der Meinung, dass ein kalter Dachstock bleiben sollte was er ist und ein grösserer Fokus auf nachhaltige Neubauten gesetzt werden sollte... Ich weis "Nachhaltig" ist ein nicht fassbarer Begriff, was aber eben dazu fordert es genauer einzugrenzen und in der Öffentlichkeit ausgiebiger diskutiert werden sollte. Vorallem Stadtplanung sollte allen was angehen und in einem parzipativen Umfeld entwickelt werden. Gute Beispiele sind schon entstanden, wie das Kraftwerk in Zürich und ich sehe in der Agglomeration ein riesen Potenzial... Da ist die Bahn zum Beispiel sehr massgebend und steuert die geplante Spekulation.

Nja.... wäre toll das Ganze in einem Workshop zu thematisieren....

Kilian T. Elsasser sagt... vor 9 Monaten
Vielen Dank für den Blog
Kilian T. Elsasser sagt... vor 9 Monaten
Ich sehe in Göschenen das Gegenteil. In einem Ort mit wenig Siedlungsdruck bauen die Leute lieber ein neues Haus, anstatt sich bei der Revonation von bestehenden Häusern mit der Denkmalpflege herumschlagen zu müssen. Im Endeffekt besteht die Gefahr, dass die historische Substanz (gemäss ISOS von nationaler Bedeutung) einfach zerfällt. An solchen Orten sollte die Denkmalpflege die Rolle des Moderators oder Ermöglicherin einnehmen. Denn nur mit einer Renovation der Häuser können diese überhaupt erhalten werden.

Siehe auch: https://kulturerbefueralle.ch/post/482915

 

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