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Kulturerbe und Terrorismus

Veröffentlicht von Kulturerbe für alle (Admin) vor 11 Monaten Veröffentlicht in Deutsch

Von Raphael Diaz

Zahlreiche Medienberichte führten uns in den letzten Jahren vor Augen, wie verheerend sich bewaffnete Konflikte auf das Kulturerbe auswirken. Terroristen inszenieren sich als Bilderstürmer und finanzieren ihren Kampf durch illegalen Handel mit Kulturgut. Zurück bleiben zerstörte Bauwerke und geplünderte Museen und Fundstätten. Mit der Veränderung des Konfliktes in Syrien und im Irak besteht die Gefahr, dass all dies allmählich in Vergessenheit gerät. Gerade wenn die mutwillige Zerstörung von Kulturerbe nicht in aller Munde ist, sollten Massnahmen für deren Vorbeugung gesucht und implementiert werden.

Meiner Ansicht nach müssen diese unter strenger Beachtung der Sensibilitäten, Argumente und Ziele von Terroristen entwickelt werden, wobei vor allem mittel- bis langfristigen Massnahmen Erfolg versprechen.

Meist verfolgen Terroristen mit ihren Taten mehrere Ziele. Eines davon ist, dass die inszenierte Zerstörung von Baudenkmälern und die Plünderung von Museen eine weltweit grosse Resonanz generiert, während die Bekanntgabe blosser Zahlen von Toten in fernen Ländern kaum mehr beeindruckt. Nur noch namentlich genannte Opfer oder zerstörte Baudenkmäler vermögen die Gemüter noch aufzuregen.

Hierzu wäre der Effekt einer Unterschlagung (oder einer Verzögerung) von Nachrichten über die Zerstörung von Kulturerbe durch die Medien prüfenswert. Die unmittelbare Kommunikation dieser Taten sollte vor allem in Spezialistenkreisen stattfinden, da diese für Einschätzungen auch die notwendigen Kompetenzen haben. Die Sensibilisierung der Bevölkerung für denkmalpflegerische Werte sollte nicht über die Nachrichten von Terrorakten, sondern über aktuelle regionale Beispiele erfolgen.

Ein weiteres Ziel von Terroristen liegt im Verschwindenlassen von Objekten, die nicht direkt zu ihrer Kultur gehören. Damit wird eine Verstummung der kulturellen Vielfalt von Regionen erreicht und damit jede mögliche mehrdeutige oder opponierende Leseart eines Ortes verhindert.

Unser Ziel kann nicht sein, Extremisten von der Vielschichtigkeit und der Vernetzung von Kulturen zu überzeugen. Viel mehr wäre eine Herangehensweise wünschenswert, welche die gefährdeten Objekte in eine auch für Extremisten bedeutsame Chronologie oder Kausalität verortet. Gute Beispiele wären etwa die Kathedrale/Moschee von Cordoba und die Hagia Sofia. Sie helfen mit zu kommunizieren, dass Kultstätten nicht isoliert existieren, sondern von anderen Bauformen, Kulturen und Religionen geprägt wurden und ihrerseits weitere Bauten prägen. Kann die Relevanz eines Baudenkmals für die eigene Kultur aufgezeigt werden, gelingt es womöglich, dessen Zerstörung zu verzögern oder sogar ganz abzuwenden.

Das eigentliche Zielpublikum dieses neuen Narrativs wären Jugendliche, welche sich in einem beeinflussbaren Alter befinden und somit auch das grösste Potential für eine Radikalisierung aufweisen. Diese sind zudem noch in einem Alter, in dem sie eine identitäre Verbindung zu den besagten Baudenkmälern aufbauen können. Ich halte es für wenig wahrscheinlich, dass Personen welche zum Extremismus tendieren, Zugehörigkeiten leichtfertig aufgeben. Dafür muss eine Person den Wert eines Objektes nicht verstehen, sondern diesen auf einer persönlichen Ebene erfahren.

Die heute im Vordergrund stehenden Massnahmen zur Bekämpfung der Zerstörung von Kulturgütern sind sicherheitspolitischer Natur oder ensprechen einem akademischen Narrativ. Beide Herangehensweisen dienen zwar als Antworten auf Anschläge, stärken jedoch die Prävention nicht nachhaltig. Wenn wir die Beziehung von Extremisten zum Kulturerbe verändern wollen, müssen wir lernen, ihre Sprache zu sprechen und uns auf Argumentationen einlassen, die uns zwar dürftig erscheinen mögen, aber für das Überleben von Kulturgut unerlässlich geworden sind.

Baaltempel, Palmyra

Der Baaltempel von Palymra wurde im August 2015 von Terroristen gesprengt.

Dieser Beitrag wurde bearbeitet am Jan 10, 2018 von Kulturerbe für alle

Baaltempel_bld4lh.jpg
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Kommentare (5)

Jonas Häne sagt... vor 10 Monaten

Sehr guter Beitrag, vor allem die Erkenntnis, dass man die Zerstörung mit dem Implementieren von Bedeutung abwenden kann. Die heutigen Massnahmen basieren fast nur auf bewaffnete Bewachung, was die selbe gewalttätige Sprache spricht wie der Terrorismus. Meiner Meinung nach ist ein bewaffneter Krieg gegen Terrorismus etwa so sinnvoll wie ein Krieg gegen Eifersucht.

Eine wichtige Ergänzung finde ich, dass es für die Terroristen auch ein Mittel für die Demoralisierung und Einschüchterung der Bevölkerung ist. Es gehört in gewisser Hinsicht zur psychologischen Kriegsführung, welche nicht zu vernachlässigen ist. Die Frage wäre, wie man das verhindern kann, da es eine grausame aber leider effektive Massnahme ist.

Marie S. sagt... vor 10 Monaten

Den Beitrag finde ich auch sehr gut. Vor allem finde ich Deinen Punkt wichtig, dass die Berichterstattung in den Medien einen großen Teil zur weltweiten Beachtung der Taten beiträgt und damit genau das Ziel erreicht wird, das Extremisten erreichen wollen. Wenn man, wie Du geschrieben hast, die Zerstörungen nicht mehr in den öffentlichen Nachrichten präsentieren würde, sondern sie nur in Fachkreisen thematisieren würde, würde der gewünschte Effekt der Terroristen ausbleiben. Und wenn die weltweite Resonanz ausbliebe, hätten die Terroristen auch ein Motiv weniger zur Zerstörung von Kulturgut.

Nina Mekacher sagt... vor 10 Monaten

Ich bin sehr angetan von der Strategie des "neuen Narrativs", dem könnte man wirklich mal vertieft nachgehen. Was die Unterdrückung von Nachrichten betrifft, bin ich aber eher skeptisch: auch Terroristen beherrschen social media und verbreiten  Botschaften und Taten selbständig und selbsttätig rasend schnell übers Internet und all die Diskussionsdienste, da ist das, was die herkömmlichen Massenmedien dann noch dazu beitragen fast schon nebensächlich. 

Was ich nicht verstehe: wieso sind nur Fachkreise berechtigt, über Kulturerbe zu diskutieren? In meinem Blog postuliere ich ja sozusagen das Gegenteil: ich meine immer, es geht doch alle etwas an und muss daher auch von allen diskutiert werden dürfen....Irre ich?

Marie S. sagt... vor 10 Monaten

Das stimmt natürlich, dass es kaum möglich wäre, die Verbreitung der Nachrichten zu unterdrücken.

So meinte ich das gar nicht, dass nur Fachkreise berechtigt sind, über Kulturerbe zu diskutieren! Ich meinte das wirklich nur auf das spezifische Thema des Terrorismus beschränkt, unter der Voraussetzung, dass gar nicht alle darüber informiert würden. Denn meiner Meinung nach, ist der große Schrecken auf der ganzen Welt ja gerade das Ziel der Terroristen, die Baudenkmäler zerstören. Ansonsten geht es natürlich alle etwas an! Da bin ich vollkommen Ihrer Meinung.

Ideenlieferanten sagt... vor 8 Monaten

Das ist tatsächlich bedenkenswert: der mediale Multiplikationseffekt oder - umgekehrt - der überhöhte Anreiz für jegliche Extremistentat angesichts der zuverlässigen weil grenzenlos oberflächlichen Sensationssucht der sogenannten freien Medien und deren Konsumenten. Wie hätte sich wohl der ganze Schrecken der letzten Jahre entwickelt und wie wäre er tatsächlich wahrgenommen worden, hätten sich die Social Media-Anbieter ihrer Verantwortung gestellt, hätten die Gratisblätter hierzulande einen Journalismus betrieben, der auch ohne Gewaltbilder auf der ersten Seite zur Kenntnis genommen worden wäre oder wäre gar das ganze Internet für ein paar Monate ausgeschaltet worden?

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